Braucht es Barrierefreiheit wirklich?

Bei der Planung einer neuen Webseite poppt früher oder später stets die Frage auf, ob denn auch Barrierefreiheit berücksichtigt werden soll. Nur selten sind sich die entscheidenden Personen zu diesem Zeitpunkt jedoch über alle Faktoren und Zusammenhänge im Klaren, die es eigentlich benötigen würde, um diese Frage ganz klar beantworten zu können.

Was versteht man unter Accessibility?

Der Fachausdruck für Barrierefreiheit ist Accessibility und bedeutet wörtlich übersetzt „Zugänglichkeit“. Im deutschen wird Accessibility jedoch meist mit Barrierefreiheit übersetzt. Man versteht hierunter im Zusammenhang mit Webseiten, dass diese so zu gestalten sind, dass sie von jedem Menschen unabhängig von einer eventuell vorhandenen Behinderung uneingeschränkt wahrgenommen und benutzt werden können1. Es soll also Menschen mit jeglicher Behinderung ermöglicht werden, das Web wahrzunehmen, zu verstehen, zu navigieren, mit ihm zu interagieren und auch selbst aktiv zum Web beitragen zu können.

Gibt es gesetzliche Vorgaben zur Barrierefreiheit?2,3

In Österreich gibt es zum einen den Artikel 7 der Bundesverfassung. Dieser Artikel enthält ein ausdrückliches Diskriminierungsverbot gegenüber Menschen mit Behinderung. Eine Umsetzung dieser Vorgaben erfolgte durch das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG). Dieses enthält unter anderem ein Diskriminierungsverbot, legt verschiedene Kriterien für eine Zumutbarkeitsbewertung fest und regelt die rechtlichen Diskriminierungsfolgen von behinderten Menschen. Dieses Gesetz ist eine wichtige Basis für die Barrierefreiheit im Internet, da es auch die Diskriminierung bezüglich technischer Gegenstände sowie bezüglich Systeme der Informationsverarbeitung regelt. Eine weitere nationale Regelung ist im E-Government-Gesetz enthalten und hat das Ziel, die Barrierefreiheit in Bezug auf allen behördlichen Internetauftritte verbindlich umzusetzen. Doch nicht nur auf nationaler Ebene gibt es hierzu Regelungen: Auf EU-Ebene wurde bereits im Jahr 1999 die Initiative „eEurope 2002“ gestartet. Im Zuge dieser Initiative haben sich die EU-Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, die internationalen WAI-Leitlinie („Web Accessibility Initiative“) bzw. WCAG-Richtlinien („Web Content Accessibility Guidelines“) umzusetzen.

Abb.: Komponenten zur Barrierefreiheit – Überblick der Richtlinien der WAI Initiative (4)

 

Was wirklich zählt!

Soweit der rechtliche Hintergrund. Jedoch sind es nicht die rechtlichen Aspekte, die für eine Entscheidung zur Barrierefreiheit ausschlaggebend sein sollten. Steve Krug bringt es in seinem Buch „Don’t make me think“5 am besten auf den Punkt, wenn er sagt: „Es ist einfach richtig, es zu machen!“. Denn eine barrierefreie Gestaltung verbessert das Leben der betroffenen Menschen so außergewöhnlich, dass eigentlich bereits dieses Argument hierfür ausreichen sollte, so Krug. In Sachen Web-Barrierefreiheit nichts zu tun, ist im Grunde wie wenn man gemeinsam mit einem Rollstuhlfahrer in die Ubahn einsteigt, bemerkt dass dieser es nicht schafft und sich daraufhin an ihm vorbeidrängt und ihn hilflos zurücklässt.

Das kann ich mir nicht leisten!

Doch sollten weder rechtliche noch moralische Argumente ausreichen, dann sind es vielleicht die betriebswirtschaftlichen: Die Zahl der betroffenen Gruppe ist meist größer als hinlänglich vermutet. Sehr oft wird im Rahmen eine Zielgruppenanalyse lediglich die Überlegung angestellt, ob behinderte Menschen einen großen Umsatzbeitrag leisten. Dabei wird jedoch in der Regel ein viel zu enger Begriff von Behinderung der Überlegung zugrunde gelegt und verschiedene betroffene Zielgruppen werden dabei völlig übersehen: z.B. Menschen mit Lern- und Konzentrationsschwächen oder mit vorübergehenden physischen Einschränkungen. Vor allem aber wird eine der größten Zielgruppen überhaupt sehr oft vernachlässigt: Ältere Menschen! Bei uns allen nimmt die Leistungs- und Funktionsfähigkeit im Laufe des Alters ab, und wir alle können im zunehmenden Alter von barrierefreien Webseiten profitieren. Es werden bereits heute viele Anstrengungen unternommen, um den entstehenden „digital divide“3 zu reduzieren. Eine ganz simple Maßnahme hierfür ist: Berücksichtigen wir bei der Erstellung von Webseiten einfach die Regeln der Barrierefreiheit! Unter diesem Aspekt ist auch die folgende Statistik aus einer Veröffentlichung der Wirtschaftskammer Österreich ein schlagendes Argument: Barrierefreiheit allgemein ist essentiell für ca. 10% der Bevölkerung, notwendig für ca. 40% und komfortabel für 100%2. Ähnliche Zahlen weist auch das deutsche statistische Bundesamt aus. Laut einer Statistik aus dem Jahre 2013 hat jeder achte Deutsche eine Behinderung6. Betriebswirtschaftlich durchaus interessant ist auch die Überlegung, dass gerade unter Menschen mit Behinderung die Technikaffinität besonders hoch ist, da die Betroffenen vielfach auf ebendiese Technik angewiesen sind und sie somit besonders intensive Technik- und WebnutzerInnen darstellen.

Abb.: Barrierefreiheit: Die Zielgruppe ist größer als man denkt (7)

 

Quellen:

  1. https://www.einfach-fuer-alle.de/artikel/einfuehrung-barrierefreiheit/
  2. https://www.wko.at/service/wirtschaftsrecht-gewerberecht/Broschuere-Barrierefreies-Web.pdf
  3. https://www.digitales.oesterreich.gv.at/documents/22124/30428/ikt-barrierefrei-broschuere-dezember2016.pdf/cfc8e345-a308-4b7a-9888-111a08e0d9e5
  4. http://www.einfach-barrierefrei.net/verstehen/standards/wai.html
  5. Krug, Steve (2013): Don’t Make Me Think! New Riders.
  6. Rohles, Björn (2017): Grundkurs Gutes Webdesign – Alles, was Sie über Gestaltung im Web wissen sollten. Rheinwerk Design.
  7. http://www.einfach-barrierefrei.net

 

Weitere empfehlenswerte Broschüre:

https://www.digitales.oesterreich.gv.at/documents/22124/30428/ikt-barrierefrei-broschuere-dezember2016.pdf/cfc8e345-a308-4b7a-9888-111a08e0d9e5

 

 

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